Vom Sprachrhythmus zur Rechtschreibung

von Dr. Zvi Penner, S. Lenz

Der Einführungstag ist nicht zwingend erforderlich für den Besuch des Anwendungskurses! 

 

Immer wieder wird über die missliche Lage berichtet, dass viele Kinder heutzutage nicht mehr richtig schreiben lernen. Die Ursache dafür läge - so die Annahme - hauptsächlich im Ansatz des „kreativen, angstfreien Schreibens“, bei dem sich Schüler mit Hilfe einer Anlauttabelle die Schriftsprache selbst erarbeiten. Darüber hinaus wird auch kritisiert, dass in vielen Schulen diese Alphabetisierungsphase unnötig lang dauert, so dass sich falsche Schreibweisen verfestigen können.

 

Schriftspracherwerbsforscher sind von den schlechten Befunden keineswegs überrascht. Sie sehen das große Problem vor allem darin, dass den Kindern - wahrscheinlich unabhängig von der Methode der jeweiligen Lehrer(in) - kein adäquates Regelwerk vermittelt wird. Dadurch kommt es nach der Einführung der Dehnungs- und Dopplungsregeln häufig zu (falschen) Übergeneralisierungen wie „Kammel, Annanas, Fiegur, Persohn, Triebühne und Krockodiel“.

 

Untersuchungen an Viertklässlern haben gezeigt, dass 75 % der Kinder mit Deutsch als Muttersprache durch ihre guten sprachlichen Kompetenzen bis zum Ende der Grundschulzeit eine adäquate Schreibkompetenz erreichen. Doch selbst bei dieser Gruppe konnten große Verunsicherungen bei der Anwendung der Rechtschreibregeln beobachten. So schrieben 63 % dieser Regelschüler das Wort „Perücke“ am Ende der Grundschulzeit noch falsch. Beim Wort „Tribüne“ waren es sogar 67 % der Viertklässler. Viel beunruhigender war jedoch das Abschneiden der folgenden Schülergruppen: 70 % der Schüler mit Deutsch als Zweitsprache und 100 % der Sprachheilschüler scheitern am Schriftspracherwerb (u. a. Penner, Z. 2007)!

 

Zur Verbesserung der Rechtschreibleistung speziell für sprachlich benachteiligte Kinder hat der Schweizer Spracherwerbsforscher PD Dr. Zvi Penner die Methode „Vom Sprachrhythmus zur Rechtschreibung“ entwickelt, die als einzige die sprachlichen Vorläuferkompetenzen in die Rechtschreibförderung mit einbezieht. Das Neue an diesem Ansatz ist, dass nicht die Silbenquantität, d. h. aus wie vielen Silben ein Wort besteht, sondern die Silbenqualität (Betonung, Dauer) im Vordergrund steht.

 

Experten sind sich schon seit langem einig, dass die Silbenqualität der Schlüssel zu einer korrekten Rechtschreibung ist. Silben klingen nicht alle gleich: sie unterscheiden sich in ihrer Lautstärke und ihrer Länge. Sprachunauffällige Kinder bringen diese auditiven Kompetenzen bereits zur Einschulung mit, d. h. sie hören, ob eine Silbe betont ist oder nicht oder ob eine Silbe länger klingt als eine andere. Sie wissen jedoch noch nicht, wie dies in der deutschen Rechtschreibung umgesetzt wird.

 

Anders sieht es bei sprachlich benachteiligten Kindern aus, denn sie bringen diese Kompetenzen leider nicht mit. In der Folge kommt es zu den oben beschriebenen Rechtschreibproblemen. Mit dem Orthografieansatz "Vom Sprachrhythmus zur Rechtschreibung" schafft man bei sprachlich benachteiligten Schülern im ersten Schritt die auditiven Grundkompetenzen und zeigt ihnen im zweiten Schritt, wie die qualitativen Besonderheiten der Silbe in der deutschen Rechtschreibung markiert werden. Hiervon profitieren natürlich auch diejenigen Schüler, die bereits über die sprachlichen Kompetenzen verfügen.